Mein Niedernberg – Mein Heimatort

Dem Leben nacherzählt!   –   Verfasserin: Maria Reinhard

So lernten wir uns kennen


Es war ein schöner Sommertag der 7. Juni 1929. Nach dem feierlichen Abendgottesdienst ging ich mit meiner Freundin Rosa noch am Mainufer spazieren. Da standen zwei Burschen, der Ludwig und der Alois. Wir wohnten wohl am gleichen Ort, aber irgendwie fremd für uns, weil sie 5 Jahre älter waren. Wir neckten uns noch eine Weile. Ich glaube, es war Liebe auf den ersten Blick. Jeder wußte zu wem er gehörte. (Rosa und Ludwig gingen zusammen und haben auch später heirateten.) Alois und ich kamen mit einer Stunde Verspätung zu Hause an und verabschiedeten uns mit dem Versprechen uns bald wieder zu sehen. Von da an waren wir die glücklichsten Menschen der Welt.


Alois Reinhard geb. 16.5.1905 / Maria Reinhard geb. 2.10.1910


Die Eltern von Alois: Johann geb. 6.4.1859 und Anna geb. 4.8.1868 Reinhard in Niedernberg Hauptstr. 50. Es war eine alteingesessene Bauernfamilie mit acht Kindern. Der Vater war lange Jahre Bürgermeister der Gemeinde. Er war gut zu den Armen im Dorf und hatte ein Jahresgehalt von dreihundert Reichsmark. Es war auch eine christliche Familie, da wurde noch gemeinsam gebetet und Vater und Mutter gingen täglich zur Messe.


Als ich Alois kennenlernte, waren schon fünf Geschwister von ihm außer Haus verheiratet. Da gabs für die drei viel zu tun. Sie lernten auch mit Pferden umzugehen. Vater gab früh die Arbeit an und so wurde sie auch ausgeführt. Viel Feld, zwei Pferde, viele Kühe und Schweine und Hühner brachten aber wenig Einnahmen. Die Milch wurde durch die Zentrifuge geleiert und Butter und Käse gemacht. Alois mußte sie in Obernau und Sulzbach verkaufen. Mit einem Wochengeld von drei Mark mußte er zufrieden sein.


Meine Eltern: Karl geb. 17.6.1881 und Margarete Gehlert geb. Hein geb. 14.2.1883 in Sulzbach. Mein Vater war Schneidermeister und hatte 1905 ein Haus gebaut in der Hintermauer Haus-Nr. 152 (Redaktioneller Hinweis: Damals waren es noch durchgängige Hausnummern ohne Straßenbezeichnung, beginnend in der Turmgasse). Wir waren fünf Geschwister, da mußte fest gespart werden. Vater nahm einen Gesellen dazu und Mutter war eine gute und fleißige und fromme Frau.


Als wir älter waren, haben wir fest mitgeholfen. Da gabs noch keine 40-Stunden Woche, es wurde Tag und Nacht gearbeitet. Da hab ich oft im Schlaf die Knöpfe an der falschen Stelle angenäht.

Aschaffenburg ist die Stadt der Kleiderfabriken. Jede hatte ihre eigenen Heimarbeiter. Die zugeschnittenen Teile wurden abgeholt und die Fertigteile wieder abgeliefert, aber nur mit dem Fahrrad über die Schleuse oder mit der Bahn. Die Bezahlung war manchmal schlecht, aber man hatte einen Verdienst.

In den Jahren 1910 – 1930 war Niedernberg noch ein ausgesprochenes Bauerndorf mit 1.200 Einwohnern. Es bestand aus Dorfstraße und Hintermauer. Wer viel Grundbesitz und ein paar Pferde hatte, das waren damals die Herren. Es war ein ungeschriebenes Gesetz, daß die Bauernsöhne und Töchter eine vom Dorf freien mußten, damit die Äcker beisammenblieben. Das war aber nicht gut, denn das halbe Dorf war miteinander verwandt. Aber fleißig waren die Niedernberger schon immer. Nach dem ersten Weltkrieg haben die Schneider, Geschäftsleute und Arbeiter die Landwirtschaft als Nebenerwerb betrieben. Damit war der Eigenbedarf gedeckt und die Milch war eine gute Einnahmequelle.


Industrie gab es damals noch nicht. Die Verdienstmöglichkeiten waren Schneiderei, Glanzstoff oder Hafenarbeiter. Es gab 2 Bäcker, 1 Schuster, 1 Schmied, 1 Wagnermeister, 1 Metzger, 4 Gasthäuser (Zur Mainaussicht, Bayrischer Hof, Zur Krone, Zur Linde) und 3 Lebensmittelgeschäfte (Lene Hesbacher, Johann Haas und Anton Hesbacher). Da wurde noch einzeln abgewogen, man bekam da alles außer Textilien. Da kamen die Hausierer (meistens Juden) und brachten Kleiderstoffe und Textilien mit. Für die Kleider waren gelernte Näherinnen und für die Anzüge die Maßschneider da.


Es gab noch keine Wasserleitung, dafür gabs 9 Dorfbrunnen und in den Neubauten wurde gleich ein Brunnen eingerichtet. Um 1930 hatten schon viele Wasserleitung mit eigenem Motor einrichten lassen. Die gesamte Wasserleitung im Dorf kam erst 1952.


Im Dorf gabs noch keinen Arzt, da mußte Dr. Grod von Sulzbach oder Dr. Kaindorf von Großostheim gerufen werden. Eine Krankenschwester (Maria Wagner) war für Notfälle da. Zur Apotheke oder Zahnarzt Dr. Schönwetter mußte man nach Großostheim fahren. Die Menschen waren aber nicht wehleidig. Die altbewährten Hausmittel haben besser geholfen als heutzutage die vielen Tabletten, die ja meistens Gift für den Körper sind.


Unsere Pfarrkirche St. Cyriakus ist wohl das älteste Bauwerk von Niedernberg. Sie ist im gotischen Stil erbaut und steht unter Denkmalschutz. 1931 wurde das rechte Seitenschiff angebaut von meinem Onkel Josef Gehlert aus Sulzbach und damit wurde viel Platz gewonnen. Der gotische Hauptaltar und die geschnitzten Bänke sind noch da, aber die alte Kanzel und die Kommunionbank fehlen, weil sich ja in der Liturgie vieles geändert hat. 1980 wurde die Kirche innen und außen neu renoviert und ist eine Zierde für die Gemeinde. Unsere Pfarrer seit 1910 in der Reihenfolge: Pfarrer Josef Seubert - Pfarrer Josef Müller - Pfarrer Franz Eckert - Pfarrer Willi Dietz - Pfarrer Wolfgang Schwartz.


Auch unser alter Friedhof liegt mitten im Dorf. Die Toten blieben bis zur Beerdigung im Haus und es wurde noch Nachtwache gehalten und gebetet. Der Sarg wurde auf einem vierrädrigen Karren auf den Hof gestellt und in Prozession abgeholt. 1963 war kein Platz mehr und der alte Friedhof wurde geschlossen. Ein neuer wurde erstellt mit Leichenhalle außerhalb vom Dorf. Jetzt werden die Toten sofort abgeholt. Bis 1980 sind schon so viele gestorben, daß er schon erweitert werden muß. Der alte Friedhof soll 1988 eingeebnet werden. Es ist geplant, eine Insel der Ruhe daraus zu machen mit Bänken, Rasen und Blumen. Ob ich das noch erlebe?


Um 1900 gab es viele kinderreiche Familien. Da gab es für die Hebamme Eva Rohmann (Baas Eva) viel zu tun. Sie hatte selbst acht Kinder. Sie war tüchtig und gab den Müttern gute Ratschläge. Damals gab es noch kein Krankenhaus und keine Krankenkasse. Die Frauen mußten die Geburtshilfe selbst bezahlen. Heute ist es amtlich festgelegt, daß jede Entbindung im Krankenhaus erfolgt, wegen der Hygiene.


Damals hieß es, der Mensch muß im Leben 7 Pfund Dreck essen. Wenn die kleinen Kinder im Sand spielten und den Mund voll Sand und Kalk gegessen haben, war das harmloser als heute die Giftstoffe und Spritzmittel an Obst und Gemüse.


Fortsetzung siehe hier...