Mein Niedernberg – Mein Heimatort

Dem Leben nacherzählt!   –   Verfasserin: Maria Reinhard

Mein Heim - meine Welt – und das war unser Leben!


Am 7.6.1933 war die standesamtliche Trauung, der Standesbeamte war mein Schwiegervater Johann Reinhard, die Trauzeugen Karl Gehlert und Isidor Reinhard.


Am 8.6.1933 war die kirchliche Trauung in der Pfarrkirche in Niedernberg von Pfarrer Josef Seubert. Die Hochzeitsfeier war in meinem Elternhaus. Wir gingen zu Fuß zur Kirche, ich war sehr aufgeregt. Wir waren die glücklichsten Menschen. Es kamen viele Verwandte und Bekannte, es war eine schöne Feier.


Damals war es Sitte, die Braut mußte noch zwei Wochen zu Hause bleiben. Leider!

Durch die vielen Nebenerwerbsbauern wurde viel Milch angeliefert. Da war ein größerer Pritschenwagen fällig. Auch die alte Milchküche wurde zu klein. Der Weg zur Aschaffenburger Molkerei war zu umständlich. Da wandte sich Alois an die Molkerei Schaafheim. Diese hat eine Bauernversammlung einberufen und eine Milchabsatz-Genossenschaft gegründet. Jeder Genosse erhielt eine Stechkarte, mit der Mitglieds-Nr. Die Molkerei hat es übernommen eine große Milchküche zu bauen. Der alte Raum und der Unterstellraum ergaben einen großen Raum. Der wurde innen geplättet und mit modernen Apparaten ausstaffiert. Bis jetzt hatten wir die Milch in Liter und Halbliter gemessen. Es wurde eine große Waage aufgestellt und mit der wurden die Liter in 1/10 Liter aufgeteilt. Es war ein Druckapparat dabei, aber der hat sich nicht bewährt, weil die blaue Farbe auf den Milchkarten verschwommen ist. Wir mußten wieder mit der Hand aufschreiben. Unter der Waage stand ein großer Behälter aus Aluminium, die Milch wurde mit Motor in den Kühler gepumpt. Das war ein großes Stahlbassin mit 18-Hektolitern Inhalt. Es war 70 cm vom Boden weg auf vier Beinen und deshalb schwer zu reinigen. Bis jetzt mußten wir das Wasser zu der Reinigung noch täglich mit Holz im Kessel heiß machen. Später wurde von der Molkerei ein Heißwasserspeicher eingesetzt. Die Milch wurde ja morgens und abends angeliefert, dann wurde das Rührwerk eingeschaltet. In dem Raum war noch Platz für die großen 40-Liter-Milchkannen, die Alois tags zuvor von der Molkerei mitgebracht hatte. Je nach Jahreszeit waren es mehr oder weniger, so 30 - 50 Stück. Morgens wurde die Milch in Kannen abgefüllt und mit einem kleinen Karren auf den Hof gefahren. Alois mußte täglich die schweren Kannen á 1 Ztr. auf den Wagen heben. Das machte er ein paar Jahre. Dann ließ er sich einen Greifer mit Hebevorrichtung einbauen. Jetzt hatte er es leichter.


Die ganze Einrichtung war Eigentum der Molkerei. Wir bekamen pro Monat einen Pauschallohn von 150,-- Mark.


Im Lohn enthalten war tägliche Reinigung der Geräte, was im Sommer nicht schön und im Winter sehr beschwerlich war. Ich habe manchmal geweint vor Kälte, denn mit starren Fingern konnte man ja nicht schreiben. Die Apparate mußten mit heißem Wasser aufgetaut werden. Einen Ofen konnte man ja nicht aufstellen, das lohnte sich auch nicht.


Zum Lohn gehörte: Alle 2 Wochen (vom 1.–15. und vom 16.–31. wurden die Liter von der Milchkarte in eine vorgeschriebene Liste eingetragen und an die Molkerei geschickt.) Für die erste Hälfte bekamen die Bauern einen Vorschuß und in der zweiten Hälfte die Gesamtabrechnung. Das Geld mußten wir an die Bauern auszahlen und die Unterlagen zurückschicken. Das machten wir lange. Später wurde es an Karl Hartlaub abgegeben und danach dank der Modernisierung von der Bank an die Lieferanten direkt überwiesen.


Zum Lohn gehörte: Einmal in der Woche wurde Butter ausgegeben, auf die Milchkarten geschrieben und verbilligt verrechnet. In kurzen Abständen kam das berühmt, berüchtigte Team vom Gewerbeaufsichtsamt (Kessler) wegen der Hygiene. Der Schrecken aller Geschäftsleute. Wenn sie auch nichts Ausstößiges fanden, fanden sie doch etwas.


Zum Lohn gehörte: Jeden Monat wurden siebenmal Milchproben von den einzelnen Mitgliedern entnommen, viermal Fett und dreimal Schmutzproben. Die wurden in der Molkerei ausgewertet und danach das Milchgeld ausbezahlt. Wenn sich Alois in der Bauernversammlung über den niedrigen Lohn beschwerte, sagten ihm die Herren, an der Milch wär sowieso nicht viel zu verdienen. Wir sollten unsere Arbeitszeit einschränken und die Milchannahme statt morgens und abends jeweils zwei Stunden auf eine Stunde beschränken. Die Theorie ist immer anders als die Praxis. Bei über hundert Mitgliedern war das gar nicht möglich. Die Niedernberger Bauern waren schon von jeher sehr fleißig. Wenn sie mit dem Kuhgespann erst abends nach Hause kamen, mußte ja noch gemolken werden. Die Leute wußten ja, die Milch wird noch angenommen. Da wurden aus einer Stunde Arbeitszeit oft drei Stunden. Heute kann ich feststellen, daß Jugendliche und Frauen die Milch gerne zur Sammelstelle getragen haben. Da haben sich viele getroffen und täglich standen meist Frauen am Tor und tauschten ihre Neuigkeiten aus. Die Jungen können das heute noch bestätigen.


Wir leben ja im Jahrhundert der Technik. Alois hat anfangs die Milch mit Pferden transportiert. Aber bald hat er den Führerschein gemacht und einen leichten Lastwagen gekauft. Die Milch von der Großwallstädter Sammelstelle mußte er auch mitnehmen und in die Molkerei nach Schaafheim fahren. Als Fuhrlohn bekam er pro Liter 2 Pf. Obwohl die Löhne mit der Zeit gestiegen sind, bekam er doch nicht mehr. Da mußte es halt die Menge machen. So ist er 20 Jahre unfallfrei gefahren. Er war sehr strebsam, menschenfreundlich und der fleißigste Mann in Niedernberg.


Die dunklen Jahre: 1933 bis 1945


Das Jahr 1933 war das Jahr der Machtergreifung Hitlers. Diesen Menschen hätten wir besser nicht gesehen. Da kann man sagen - "Wehe dem, durch den das Ärgernis kommt". Zu der Zeit gab es viel Armut und viel Arbeitslose. Da hat er es verstanden, die Menge zu begeistern. Mit vielen Kundgebungen und Reden wurden den Deutschen zwar viel Gutes versprochen, aber viel Böses gebracht. Der Mann hatte einen Größenwahn - er wollte ein Großdeutschland machen und träumte vom tausendjährigen Reich. Da gilt das Sprichwort: Wer zuviel verlangt vom Leben, der bekommt zuletzt gar nichts. Er wurde gewählt und jeder wurde bespitzelt. Wer nicht oder anders wählte, der kriegte es zu spüren. Am schlimmsten waren seine Getreuen die Sturmbannführer und Todeskommando. Freilich hat er den Menschen Arbeit beschafft, weil er für den nächsten Krieg rüstete. 1918-1919 hat man gesagt: "Nie wieder Krieg" und jetzt wurde ein viel schrecklicher Krieg vorbereitet mit Bomben und Raketen. Der Krieg wurde für Deutschland verloren. Hitler und sein Stab wurden zum Tod verurteilt. Seine größten Fehler waren, daß er Millionen Menschen (Juden, Männer, Frauen und Kinder) in den Lagern vergast hat. Und daß er die Kirche bekämpft hat. Kruzifixe entfernt hat u.s.w.


Das rächt sich!

Man kann nur für Gott kämpfen, aber niemals gegen ihn.



Fortsetzung siehe hier...