Mein Niedernberg – Mein Heimatort
Dem Leben nacherzählt! – Verfasserin:
Maria Reinhard
So lebten wir in Freud und Leid
Wir freuten uns sehr auf das erste Kind, ein Sohn namens Josef, geb. am 3.6.34. Er wurde krank und starb mit sieben Wochen. Da waren wir sehr traurig.
Da geht ein Stück Leben von den Eltern mit ins Grab.
Am 23.6.1935 wurde unser zweiter Sohn namens Herbert geboren. Das war für uns große Freude. Alois war ein besorgter Vater. Am 5. Mai 1937 kam unser dritter Sohn Elmar zur Welt. Oh, welch Geheimnis ist ein Kind. Damals war in Niedernberg noch kein Arzt, auch kein Telefon und man war auf Dr. Schredl aus Großostheim angewiesen. Elmar war mit fünf Monaten schwer erkrankt. Dieser hatte das Kind behandelt und dann in das Krankenhaus eingewiesen. Dort ist er am 13.10.1937 gestorben. Wieder große Trauer für uns. Um nicht zu verzagen, muß man mit Hjob sprechen: Der Herr hats gegeben, der Herr hats genommen. Der Name des Herren sei gelobt.

Familienfoto um 1950, von links: Herbert, Maria, Gerlinde, Rainer und Alois Reinhard.
Und wieder kam ein freudiges Ereignis. Am 6.Januar 1940 wurde unser vierter Sohn Rainer geboren. Er war gesund und ist prächtig gediehen, zur Freude der Eltern. Als er vier Jahre alt war, kam das fünfte Kind zur Welt. Am 14.Januar 1944 wurde unsere Tochter Gerlinde geboren. Das war Vaters Stolz und sein Liebling. Sie wurde von allen verwöhnt. Das nennt man Kindersegen. Wir hatten für die Kinder ein Kindermädchen, denn es gab ja viel Arbeit. Da gab es noch keine Pampers, auch keine Waschmaschine, die Wäsche wurde noch im Kessel gekocht. Alois war ein treusorgender Vater und die Kinder sind gesund herangewachsen. (Gesunde Kinder - Glückliche Mütter). Die drei schönsten Dinge auf der Welt sind die Sterne, die Blumen und die Kinderaugen. Wir freuten uns auf das erste Lächeln und die ersten Gehversuche, auf die Taufe und Erstkommunionstage. Jedes Kind ist ja ein Schatz und somit eine Lebensaufgabe für die Eltern.
Wie schon erwähnt haben wir beim Bauen eine Scheune und ein Stall mitgebaut. Die Eltern von Alois waren alt und haben ihre Äcker an ihre Kinder aufgeteilt. Diese mußten ja bewirtschaftet werden. Es wurden landwirtschaftliche Geräte angeschafft, zwei Kühe gekauft und Schweine und Hühner und was halt zum Bauernhof gehört. Das Pferd hat er vom Vater als Mitgift mitbekommen. Jetzt mußte ja auch das Futter für die Tiere gepflanzt werden. Also auf in den Kampf! Alois hat ein Jahr die Landwirtschaftsschule besucht und sich als Bauer viele Kenntnisse erworben. Er hat es auch mit Interesse gemacht, sonst hätte er die viele Arbeit nicht leisten können. Bauer sein ist ein harter Beruf, er muß gut rechnen können und die Ernte ist wetterbedingt. Auch die Landfrauen haben es schwer. Wenn die Bauern auch heutzutage mit modernsten Maschinen arbeiten, es muß doch viel von Hand gemacht werden.
In einem Lied heißt es: "Schön ist das ländliche Leben". Aber sooo schön ist es auch wieder nicht!
In unserem Leben gab es keine Langeweile. Täglich früh mußte Alois die Milch zur Molkerei fahren und nachmittags mit dem Pferd auf dem Feld arbeiten. Was wir selbst pflanzten, brauchten wir ja nicht zu kaufen. Später haben meine Eltern ihr Feld geteilt, von Onkel Isidor haben wir ein paar Äcker geerbt und später noch Pachtfeld dazugenommen. Da gabs viel zu tun.
Mit unserem Pferd hatten wir viel Glück. Es war eine Stute namens Hanni. Es war ein braves und kluges Pferd. Es war schon so dressiert, daß es jeden Weg und jeden Acker von uns kannte und dort stehen blieb. Das sind keine Sprüche. Es war ein Haflinger und gut zur Zucht geeignet. Es wurde trächtig und nach elf Monaten hat es abgefohlt. Ein Pferd ist sowieso ein edles Tier. Aber ein neugeborenes Fohlen ist geradezu ein Kunstwerk. Auf seinen ein Meter hohen wackeligen Beinen versuchte es immer wieder aufzustehen. Nach ein paar Stunden war es geschafft und es konnte seine natürliche Nahrung, die Milch saugen. Es ist prächtig gediehen und bald schon konnte es am Wagengespann mit auf das Feld laufen. Wir haben einen großen Garten am Haus, da wurde mit Draht und Stangen eine Koppel eingezäunt und da konnten sich die Pferde tummeln. Das Pferd Hanni wurde wieder trächtig und das Fohlen wurde als Jährling verkauft. So hat es acht Fohlen zur Welt gebracht, die alle als Jährlinge verkauft wurden. Hauptabnehmer war Phillip Josef, der auch viel Interesse an Pferden hatte. Auch Josef Berninger, der früher die Post zur Bahn nach Sulzbach gefahren hatte, hat von unseren Pferden welche gekauft.
Wir schreiben das Jahr 1939, das unseelige Jahr der Mobilmachung. Die jungen Männer wurden schon vorher von der SA gedrillt und abgerichtet. Zuerst waren sie in Polen eingefallen, dann in England, Frankreich, Norwegen und Rußland. Dort sind allein zwei Millionen Deutsche gefallen. Fast täglich kam eine Todes-Nachricht ins Dorf. Da weinten Frauen um ihre Männer, Mütter um ihre Söhne und Kinder um ihre Väter. Aber darum kümmerten sich die diese Unmenschen nicht. Die älteren von der SA waren daheim geblieben, denn im Ort mußte es ja auch weitergehen. Josef Fischer (ein echter Nazi) war 1. Bürgermeister. Alois mußte mit einer Gruppe älteren Jahrgangs an den Westwall fahren und dort Schützengräben ausheben. Das hätten sie sich sparen können, denn diese waren schnell überrollt. Nach ein paar Wochen kamen sie wieder heim. Die Felder mußten ja bestellt und die Ernährung sichergestellt werden. Wer von den Soldaten seine Adresse an die Angehörigen schicken konnte, dem konnten sie Feldpostpäckchen schicken, aber nur nach Vorschrift (á 200 gr. Lebensmittel). Ob sie die Betreffenden bekommen haben, daß weiß nur der Herrgott.
1942 wurden die Lebensmittelkarten eingeführt. Die wurden im Rathaus abgeholt und waren für einen Monat bestimmt. Da mußte man schon knapp einteilen. Die Geschäfte haben die Karten mit Uhu oder Mehlpapp aufgeklebt, am Rathaus abgegeben und danach ihre neue Zuteilung bekommen.
Damals war auch der Bauernstand wieder sehr geschätzt. Das Vieh, Schweine und Hühner und die Ernte wurden genau kontrolliert. Dies alles wurde an den bestimmten Sammelstellen abgeliefert und billig verkauft. Damals haben die Landwirte eine bestimmte Rasse von Schweinen gezüchtet. Es wurde nämlich zu der Zeit viel mehr (schwarze) als weiße Schweine geschlachtet. Damals wurden die Bauern von den Städtern wieder hoch geschätzt. Viele kamen auf das Dorf und tauschten Kleider gegen Lebensmittel aus.
Es wurden auch oft Geldsammlungen durchgeführt wie Eintopf-Winterhilf und Plaketten Verkauf. Von den Nazis wurden Ehren-Medaillen verteilt an die Helden-Mütter, die ihre Söhne im Krieg verloren haben. Aber welch ein Hohn!, als ob man ein Menschenleben wie irgendeine Sache abtun könnte! Meine Mutter hat die Plakette abgelehnt.
Für jeden Menschen sind drei Dinge wichtig: Nahrung – Kleidung – Wohnung. D.h. Bauern, Schneider und Maurer. Die jungen Männer waren alle eingerückt (es sollen sich sogar viele freiwillig gemeldet haben), da mußten die älteren Männer und Frauen die Feldarbeit tun, die jüngeren Frauen haben inzwischen das Schneiderhandwerk erlernt und die Kinder haben dabei fest mitgeholfen.
1941 bekam mein Mann mit vielen seiner Kollegen den Stellungsbefehl. Da hat es nichts genützt, daß er einen lebenswichtigen Betrieb hat. Das Auto (Lastwagen) wurde eingezogen und die Milch mußte von der Molkerei Schaafheim täglich abgeholt werden.
Mein Bruder Edgar war in Norwegen stationiert und ist Gott sei Dank wieder heimgekommen. Der Mann meiner Schwester Rosa, Karl Nebel, war auch eingerückt, hatte ein paarmal Urlaub und wurde später als vermisst gemeldet. Unter vielen Entbehrungen hat sie ihre Kinder erzogen. Meine Eltern sind zu ihr gezogen und haben ihr geholfen.
Alois kam mit seiner Truppe, dreißig- bis vierzigjährige, nach Frankreich. In Le Havre mußten sie die Stellung halten. Alois hat mir viele Liebesbriefe geschrieben. Es war eine lange Trennung. Ich mußte mich mit vielen tausenden Frauen trösten und hoffen, auf eine baldige Heimkehr. Alois hatte in jungen Jahren schon ein schweres Herzleiden. Das hatten auch die Militär-Ärzte festgestellt. Er war dort sieben Monate in Quartier. Dann kam ein Brief von Alois, seine Truppe würde an die Front beordert. Er selbst wäre wegen seines Leidens untauglich und würde in die Heimat entlassen. Drei Tage danach kam er zu hause an. Welch ein Glück. Schwer war der Abschied, doch froh das Wiedersehen. Seine Frau, seine beiden Buben und alle Anverwandten haben sich sehr gefreut, daß er wieder da war. Man müßte nochmal zwanzig sein und so verliebt wie damals.
Es wartete viel Arbeit auf ihn. Zuerst mußte er einen neuen Lastwagen kaufen, da wir den ersten LKW an die Wehrmacht abgeben mußten. Die Molkerei war froh, daß sie abgelöst wurde, weil sie durch den Krieg wenig Personal hatte. Das Feld mußte bestellt werden. Während seiner Abwesenheit hat der alte Onkel Isidor die Tiere gefüttert und Futter geholt. Alois war unermüdlich tätig auch für Nachbarschaftshilfe und Baufirmen. Auf dem Feld gibts ja das ganze Jahr Arbeit.
Der Krieg wütete weiter. Mit der Parole: "Führer befiel, wir folgen dir!" sind Tausende von jungen Menschen in den Kampf gezogen, haben auch gesungen: "Denn wir fliegen gegen England", sie haben viele Länder besiegt mit Panzern, Flugzeugen, Bomben und Raketen. 1944-45 kam der große Rückschlag. Die modernsten Waffen wurden ja in den Fabriken produziert und viele Luftschutzbunker und Luftschutzräume gebaut. Bei Fliegeralarm mußte man schnell in den Keller. Bis man das Flugzeug hörte, waren die Bomben schon abgeworfen. Bei Entwarnung konnte man wieder heraufgehen. Wir haben einen großen gewölbten Keller, da soll man angeblich sicherer sein. Die ganze Nachbarschaft kam zu uns. Wir hatten zwei Betten aufgestellt für Kinder und kranke Leute. Der Alarm kam immer öfter, besonders nachts war es schlimm. Die feindlichen Flieger hatten es besonders auf große Fabriken und Eisenbahnzüge abgesehen. Unsere Fliegerabwehr konnte gar nichts dagegen ausrichten. Bis zum Frühjahr 1945 waren die meisten Städte im Land zerstört. Viele Obdachlose fanden auf den Dörfern Unterkunft. Es war für alle eine schlimme Zeit. Noch regierten ja die Nazis.
Wir hatten einen Radio, aber man durfte bestimmte Sender nicht hören. Wir wurden ja alle streng bewacht. So wußte man ja gar nicht wo unsere Truppen standen.
Fortsetzung siehe hier...






