Mein Niedernberg – Mein Heimatort
Dem Leben nacherzählt! – Verfasserin:
Maria Reinhard
1929 – Der Beginn der Milchsammlung
Wer von den jungen Leuten keine Lehrstelle fand, mußte halt auf dem Hof mithelfen. Auch mein Freund Alois war bei seinem Onkel beschäftigt. Der hatte einen großen Bauernhof in der Quergasse aus dem 17. Jahrhundert. Der Onkel war ledig und lebte mit drei ledigen Tanten, genannt die (Valentinsleute) Onkel Isidor, Tante Lieschen, Tante Susannchen und Tante Gretchen. Alois konnte gut mit Pferden umgehen, war sehr fleißig, verdiente aber wenig.
Ein guter Freund namens Rack von Unterwestern gab ihm den Rat, im Dorf Milch zu sammeln. Da gab es zunächst viele Schwierigkeiten, aber Herr Rack versprach ihm zu helfen, er hatte selbst eine Sammelstelle und wußte was man dazu brauchte. Er besorgte ihm eine Einspänner Kutsche mit flacher Pritsche, ein Milchkühler, ein Meßeimer (20 l) und einige Milchkannen für den Anfang. Im elterlichen Hof wurde eine Ecke eingerichtet. Der Kühler angeschlossen. Alois hat sich bei den Bauern angemeldet. Diese waren froh, daß sie ihre Milch abliefern konnten. Jeder bekam eine Lieferkarte und monatlich das Geld. Herr Rack sorgte auch für einen Abnehmer der Milch, das war Herr Kümpel von Damm. Dieser holte die Milch am Hauptbahnhof ab und gab wieder leere Kannen zurück. Die Milchkannen mußten wir selber kaufen.

Fähranlegestelle mit Gierseilfähre und Gaststätte Zur Mainaussicht im Jahre 1927
Jetzt konnte es losgehen. Jeden Morgen um 5 Uhr wurde das Pferd angespannt und in den einzelnen Häusern die Milch abgeholt, zu Hause gekühlt, wieder aufgeladen und über die Fähre zur Bahnstation Sulzbach gefahren. Pünktlich um 7 Uhr kam der Zug. Da gings oft im Trab. Alois konnte sich auf sein Pferd Hanni verlassen. Es war auch klug, denn schon nach kurzer Zeit blieb es von allein vor den betreffenden Häusern stehen. Die Milch mußte auch sonntags gesammelt werden. Wenn er von der Bahn zurück war, wurden die Geräte gespült, die Pferde gefüttert und nachmittags half er seinen Geschwistern bei der Feldarbeit. Seine Eltern besorgten die Hausarbeit.
Somit wurde Alois zum Pionier für die Milchablieferung in Niedernberg seit März 1929.
Im Winter, wenn der Main zugefroren war, mußte Alois die Milch mit der Pferdekutsche nach Aschaffenburg fahren. Das war alles mit großen Strapazen verbunden. Aber Alois war unermüdlich und voller Tatendrang. Er war eine Frohnatur und war noch nebenbei in Vereinen tätig, im Kraftsportclub und Gesangsverein.
Im Sommer 1932 hat er angefangen in Sulzbach auf dem Bahnberg Milch einzeln zu verkaufen. Dazu hatte er sich von einem Bekannten einen Nachen gekauft, um nicht immer auf die Fährzeiten angewiesen zu sein. Vier volle Milchkannen und ein Meßbecher hängte er ans Fahrrad und dann fuhr er mit dem Nachen über den Main. Bei stürmischem Wetter war es manchmal auch gefährlich. Er fuhr mit dem Fahrrad auf den Bahnberg und teilte die Milch literweise aus. Bald hatte er alle als Kunden. Die Leute waren froh, daß sie die Milch nicht im Dorf holen mußten. Das machte er ein paar Jahre. Der Nachen allerdings wurde ihm von bösen Buben in den Main versenkt. Erst 1980 haben sich zwei Männer zu der bösen Tat bekannt.
Um 1920–1930 waren viele junge Leute auf Arbeitssuche. Da hörte man viel von Auswanderern. Ein Freund von Alois hatte einen Onkel in Amerika. Der war da auf Besuch und da wurde beschlossen, er fährt auch nach drüben. Für die Deutschen war es das goldene Amerika. Die Freunde waren Sebastian Reinhart, Anton Wenzel, Alois Rohmann, Vitus Hartlaub, Georg Reinhart, Josef Reinhart, Edgar Röther und Nikolaus Seitz, alle aus Niedernberg. Vielleicht haben sie auch davon geträumt, vom Tellerwäscher zum Millionär zu werden. Vielleicht hatten sie auch kein Geld für die teure Überfahrt nach Hause. Sie sind drüben gestorben. Nur Georg Reinhart lebt noch und wohnt hier in der Heimat. Zu den Freunden von Alois zählte auch Raimund Fecher, er war ein lustiger Geselle.
1929 hat Alois angefangen Milch zu sammeln. Er war unermüdlich tätig. Wir waren uns versprochen und wollten heiraten. Wir brauchten eine Wohnung und mehr Platz für die Milchkannen. Endlich war es soweit. Alois erbte einen Bauplatz und im Herbst 1932 wurde in der Blumenstr. der Rohbau erstellt. Alois hatte viel dazu geholfen und mit den Pferden Steine und Sand gefahren. Neben dem Haus wurde eine Milchküche angebaut. Eine eigene Wasserleitung wurde eingerichtet und über der Milchküche ein Wasser-Reservat aufgestellt zur Milchkühlung. Daneben kam noch eine Unterstellhalle. Im zeitigen Frühjahr 1933 wurde weitergearbeitet und innen verputzt. Jetzt ging es um die Hauptsache – das Geld. Der Rohbau vom Einfamilienhaus kostete damals 6.000 Reichsmark. Zum Glück bekamen wir auf Antrag von der Landesbausparkasse in München ein Darlehen von 3.600,- auf Dauer von zehn Jahren. Mit der Bedingung, daß das Haus nach Vorschrift und der Betrieb für landwirtschaftliche Zwecke genutzt wird. Jetzt heißt die Parole "Sparen". Das fiel uns ja nicht schwer, wir haben es ja von unseren Eltern gelernt. Auch Stall und Scheune wurden mitgebaut. Im Juni wurde das Haus einzugsbereit und die Apparate vom Elternhaus an der Hauptstr. in die neue Milchküche gebracht.






