Mein Niedernberg – Mein Heimatort
Dem Leben nacherzählt! – Verfasserin:
Maria Reinhard
Erster Weltkrieg, Brotbacken und Inflation
Eine Rarität für Niedernberg ist die gute alte Mainfähre. Sie soll seit dem 15. Jahrhundert in Betrieb sein. An der Fährgasse ist die Anlagestelle. Auch ein Nachen gehörte dazu, der bei Hochwasser und Treibeis gebraucht wurde. Die Fähre war schon immer Verbindungsstraße vom Odenwald zum Spessart. Ein Anziehungspunkt für Schiffe und Boote war das am Main gelegen Gasthaus "Zur Mainaussicht", mit langer Tradition. Der Besitzer Josef Rohmann war lange Jahre als Fährmann für die Gemeinde tätig.

Auch das alte Schulhaus steht noch, der Mittelpunkt für die Jugend. Unsere Lehrer waren: Lehrer Röther - Lehrer Bartelmäs und Fräulein Kreel. Wir hatten täglich vormittags und nachmittags Unterricht. Da gabs auch noch den berühmten Stock, daß hat uns aber nicht geschadet. Manchmal durften wir mit dem Lehrer einen Ausflug machen durch die Flur oder in den Wald. Das war für die ganze Klasse ein Riesenspaß. Damals war die Natur noch in Ordnung. Auf den Mainwiesen (vom Dorf bis zur Schleuse) konnte man ein Storchenpaar beobachten. Sie hatten ihr Nest auf dem Dach vom Storchbäckerhaus in der Quergasse. In der Nähe der Wiesen am Tannenwald war ein kleiner See. Er war voll von Fröschen, die Hauptnahrung der Störche. An warmen Sommerabenden konnte man das Froschkonzert im Dorf hören. Als Mädchen haben wir am Main Brokelsuppe gespielt und mit dem Taschentuch Spitznadeln gefangen. Als Schmuck haben wir aus Perlen Halsketten gemacht. Zur Abwechslung kam manchmal ein Zauberkünstler in die Schule und brachte weiße Mäuse oder kleine dressierte Äffchen mit. Mit 20 Pf. waren wir dabei und haben uns sehr darüber gefreut.
Schön ist die Jugend, sie kommt nicht mehr
Sehr wichtig für die Gemeinde ist schon immer das Rathaus gewesen. Um 1672 war es noch ein kleines baufälliges Haus. Im Laufe der Jahre wurde es schon dreimal erneuert und 1937 wurde es angebaut und renoviert. Dazu gehörten der Bürgermeister, der Gemeindeschreiber (Sekretär), die Gemeinderäte und der Ortsdiener mit der Schelle. Damals war es lange Jahre das Amt für Heinrich Hartlaub. Er mußte täglich zweimal durch die Straßen gehen und die neusten Nachrichten ausrufen. Mit dem Wort "Bekanntmachung" und festem Gebimmel hat er dann die Gesetze und Vorschriften verlesen. Nach seinem Tod hat es H. Englert und H. Hopf übernommen. Diese Sitte ging bis in die 60er Jahre. Dann wurde das gemeindliche Amtsblatt eingeführt. Die Niedernberger Bürgermeister in der Reihenfolge: Johann Reinhard - Josef Fischer - Adam Klement - Alfons Hartlaub - Hans Herrmann.
(Die oben genannten Herren sind im neuen Rathaus aufgehängt, einer lebt noch.)
Aus der Jugendzeit klingt ein Lied mir immer dar -
O wie liegt so weit - was mein einst war.
Vor meinem Vaterhaus da stand ein Birnbaum. Um 1910-20 waren die Straßen noch unbebaut. Da standen vor vielen Häusern ein Baum wie Pflaumen, Birnen, Reben oder Aprikosen. Das gehörte zum Ortsbild. 1936 wurde die Hauptstraße gepflastert und heute sind alle Straßen, auch Feld- und Waldwege geteert.
Wie schon oben erwähnt, waren meine Eltern Schneider. Bei den Bauern kauften wir Milch und Kartoffeln. Dann kam der unselige Krieg 1914 - 1918 gegen Frankreich, den die Deutschen ja verloren haben. Leider sind Tausende von Männern und Burschen den Tod fürs Vaterland gefallen. Damals hieß es nie wieder Krieg. Auch mein Vater war vom Anfang bis zum Ende eingerückt. Er hatte lange kein Urlaub bekommen. Als er zum Kriegsende heimkam, hatten wir vier Kinder ihn in der Uniform gar nicht mehr erkannt. Wenn er uns aber von seinen Erlebnissen erzählte, hörten wir ihm gerne zu.
Nach dem Krieg kam für Alle eine arme Zeit. 1919 wurde meine jüngste Schwester geboren. Meine Eltern waren fleißig und sparsam. Mein ältester Bruder kam 1920 nach Würzburg zum Studium. Das mußte damals selbst bezahlt werden. Um das Geld für Milch zu sparen, hatten meine Eltern zwei Ziegen gekauft (armer Leute Kühe). Sie hatten eine Scheune und einen Stall erbauen lassen. Von ihren Eltern haben sie einige Äcker geerbt. Die nötigen Ackergeräte wurden angeschafft, ein Wagen und 2 Kühe gekauft und Kartoffeln und Getreide selbst gepflanzt. Zur Ernte mußte jeder mithelfen. Vater mähte mit der Sense (Reff) ab, die Frucht wurde aufgenommen und in Garben gebunden und zu Garben aufgestellt. Wenn große Hitze war, konnten sie nach 8 Tagen zur Dreschmaschine gefahren werden. Eine gehörte Alois Klug und eine Alois Scholl, beide von Niedernberg.
Das schönste beim Dreschen war ja die Vesperzeit!
Die gedroschene Frucht wurde vom Müller abgeholt und als Mehl wieder gebracht. Mühlen waren in Großostheim, Obernburg und Sulzbach. Das Brot wurde im eigenen Backofen gebacken.
Zu jedem Bauernhaus gehörte ein eigener Backofen, ein Backtrog und zirka 20 Backschüsseln. Abends zuvor wurde das Schwarzmehl zurecht gemacht und im Backtrog mit Sauerteig und warmen Wasser angerührt, zugedeckt und über Nacht ruhenlassen. Frühmorgens hat die Mutter Salz in den Teig getan, fest geknetet und viele Laibe daraus geformt. Die wurden alle um den Ofen herumgestellt, daß sie schön aufgehen. Inzwischen hat Vater den Backofen mit Reisig angeheizt und 10-12 cm lange Buchenscheite nachgeschürt. Das gab die richtige Hitze. Die noch heiße Glut wurde dann herausgekratzt und die Laibe mit dem Schieber eingeschoben. Zuvor wurde jedes Brot mit Wasser überstrichen, das gab dann die schöne glänzende Kruste. Das gute Bauernbrot war viel besser wie vom Bäcker. An Festtagen wurde viel Kuchen gebacken (Streußel-, Apfel- und Zwetschgenkuchen).
Als Brotaufstrich wurde Marmelade gekocht. Da mußten alle helfen, zirka 1 Ztr. Birnen schälen. Die wurden in einem großen Kessel gekocht und wir mußten abwechselnd sechs Stunden lang mit einem großen Holzlöffel das Mus (Latwersche) umrühren. Diese wurde in Steinguttöpfe abgefüllt und reichte so lange bis es wieder frisches Obst gab.
Der Waschtag war ein großes Problem. Die Wäsche wurde tags zuvor in Henko eingeweicht, am nächsten Tag im Kessel heiß gemacht und jedes einzelne Teil mit Seife fest gebürstet. Dann wurde sie im Kessel mit Persil weichgekocht und dann auf der Wiese auf langer Leine aufgehängt. Dabei hat uns oft die Bas Käth („Hesbachers Käth“) geholfen. Sie hat in vielen Häusern gewaschen und war froh, etwas zu verdienen.
Man kannte noch kein elektrisches Licht. Die Menschen mußten mit Stallaternen, Karbidlampen und Kerzenlicht auskommen. Das elektrische Licht wurde 1923 in Niedernberg eingerichtet.
Das war ein großer Fortschritt und Erleichterung für die Menschheit.
1923 kam die große Inflation, abgewertet auf 10%. Die Millionen, Milliarden und Billionen waren verfallen. Das war grausam für die Sparer. Alle mußten wieder von vorne anfangen. Jetzt heißt das Geld "Deutsche Reichsmark". Die Leute kamen aus der Stadt und tauschten Wäsche und Kleider für Lebensmittel bei den Bauern aus. Trotz der vielen Sorgen der Eltern kam die Jugend doch auch zu ihrem Recht. Wenn die Schulkinder ihre Hausaufgaben gemacht hatten, durften sie auf der Straße mit Murmeln und Kreisel spielen. Damals gab es noch kein Auto, die ersten Fahrräder wurden für ein Weltwunder angesehen. Das Fahrrad hat sich aber schnell durchgesetzt.
Die Jugendlichen mußten fest mithelfen bei Heim- und Feldarbeit. Im Winter, wenn der Main zugefroren war, trafen wir uns an den Bauten zum Schleifern (Eis laufen). Wenn wir auch manchmal umgefallen sind, es war doch schön. Sonntags gingen wir spazieren oder wir gingen in die Linde zur "Kratzmusik", 1-Mann-Kapelle bestehend aus Rudolf Hartlaub und später Alfons Reinhard (Damese Fons). Sie spielten uns auf und wir tanzten auf dem rauhen Boden herum, so gut es ging.
Sonntags abends gingen ein paar Gruppen junger Burschen durch das Dorf und sangen schöne Lieder zur Freude der Mädchen.
Früher waren die Menschen wohl arm, aber dennoch zufrieden. Wir Kinder wußten noch nichts von Näschereien und Schokolade. Heute suchen sie sich ihre Markensorten selber aus. Das ist eigentlich schade!
An kirchlichen Festtagen und an Weihnachten wurde viel Kuchen gebacken. Am Christabend standen wir fönf Geschwister aufgeregt in der Stube und warteten auf das Christkindchen. Das hat meist eine Nachbarin oder eine Tante gemacht. Auch der Nikolaus war dabei und fragte: "Wo sind die bösen Kinder?" Dann kam der große Augenblick, es klingelte mit einem hellen Glöckchen, die Tür ging auf und es brachte den schön geschmückten Christbaum mit vielen bunten Kugeln und viel Lametta, den die Mutter tags zuvor im verschlossenen Zimmer geschmückt hatte. Auch hatten wir schon Wochen vorher versprochen, fleißig und brav zu sein, aus Angst vor der Rute. Das Christkind hatte auch ein Buch dabei, wo die großen Sünden drin standen. Jeder einzelne mußte ein Gebet aufsagen. Nikolaus brachte Äpfel und Nüsse und die guten selbstgebackenen Plätzchen mit. Jedes bekam ein kleines Geschenk, entweder eine Griffelbüchse, ein Buch oder Spielsachen. Ich habe ein Märchenbuch bekommen, das habe ich heute noch. Dann haben wir zusammen Stille Nacht gesungen und dann gingen wir zur Mette.
Vielen Dank noch heute meinen lieben Eltern, die uns fünf Geschwister: Gottfried, Anna, Maria, Edgar und Rosa, eine schöne Jugendzeit geschenkt haben.
Fortsetzung siehe hier...






